Neue Kolumnen

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Oktober 2026

Die Geschichte hinter der Geschichte

Der Mann mir gegenüber schaut auf sein Handy. Dann auf die Uhr. Dann wieder aufs Handy. Sein Fuss wippt. Die Finger trommeln auf den kleinen Tisch zwischen uns. Ich versuche zu lesen.

Als die Durchsage eine Verspätung ankündigt, stöhnt er laut auf. «Das darf doch nicht wahr sein.» Ich schaue kurz hoch. «Davon geht es auch nicht schneller», sage ich leicht genervt. «Wir sitzen schliesslich alle im selben Zug.»

Der Mann reagiert nicht. Er wählt eine Nummer und wartet unruhig, bis jemand abnimmt. Ich versuche mich zu konzentrieren und lese denselben Satz zum dritten Mal.

Derselbe Mensch, ein anderer Blick

«Hallo, ich bin’s. Der Zug hat Verspätung. Nein, ich bin unterwegs. Wirklich.» Etwas in seiner Stimme lässt mich aufhorchen. «Ich möchte nur nicht, dass du denkst, ich komme nicht.» Ich schaue weiter in mein Buch. Er spricht jetzt leiser. Er freue sich auf sie, sagt er. Es sei lange her. Dann höre ich: «Danke, dass du dem Treffen zugestimmt hast.»

«Das war meine Tochter», sagt er erklärend zu mir, als er das Handy in seinen Schoss legt. Seine Finger liegen nun still auf dem Tisch. Beide schauen wir aus dem Fenster. Dieselben Felder ziehen an uns vorbei. Doch unsere Gedanken sind wohl ganz woanders.

Eben noch habe ich mich über den hektischen Mann geärgert, der mich beim Lesen gestört hat. Jetzt sitzt da ein Vater, dem dieses Ankommen viel bedeutet. Was zwischen ihm und seiner Tochter liegt, weiss ich nicht. Doch mein genervter Satz von vorhin ist mir plötzlich unangenehm. Ich habe seine Unruhe bemerkt und geglaubt, sie beurteilen zu können. Dabei kenne ich nicht einmal die Geschichte dahinter.

Als der Zug wieder schneller fährt, schaut er auf die Uhr. Diesmal stört es mich nicht. Ich hoffe, seine Tochter wartet am Bahnhof auf ihn.

September 2026

Da kommt Bewegung rein

«So, nach der Schöggeli-Runde turnen wir jetzt noch ein wenig», sage ich ins Mikrofon. Wir sitzen schon eine Weile im Bus. Etwas Bewegung tue uns gut, erkläre ich. Auch im Sitzen könne man aktiv sein.

Die Begeisterung ist verhalten. Einige machen mit, andere beobachten ihre Sitznachbarn. Wieder andere schauen ganz konzentriert aus dem Fenster. Ich mache die Bewegungen vor: Füsse abrollen, Knie anheben, Becken in den Sitz drücken – alles so, wie es für uns angenehm ist.

Langsam kommt Bewegung in die Reihen. Als wir die Arme hochstrecken, schauen die Gäste eines überholenden Reisecars lachend zu uns herüber. «Die denken, wir wärmen uns für die Olympiade auf», scherzt jemand. Der Bann ist gebrochen. Wir lachen, probieren und versuchen es nochmals. Auf die Uhr schaut kaum jemand. Die lange Carfahrt ist vergessen.

Vom Zögern zur Vorfreude

Am nächsten Morgen höre ich schon vor der Abfahrt: «Dörfsch denn s’Turne nöd vergässe, gäll!» Ich schmunzle. Gestern noch die Zurückhaltung, heute diese Erinnerung. Das Turnen wird zum Morgenritual. Selbst der Chauffeur macht mit, bevor er sich ans Steuer setzt.

Ich frage mich: Wie oft lassen wir etwas an uns vorbeiziehen, weil es ungewohnt ist? Weil wir nicht wissen, ob wir es können oder uns dabei etwas komisch vorkommen?
Gemeinsam fällt der erste Versuch oft leichter. Doch auch allein dürfen wir etwas ausprobieren, ohne es gleich können zu müssen.

Nicht alles Neue muss uns gefallen. Aber manchmal lohnt es sich, der eigenen Zurückhaltung nicht gleich das letzte Wort zu geben. Vielleicht wartet dahinter eine Freude, von der wir noch gar nichts wissen.

Erneut nehme ich das Mikrofon in die Hand. Doch die ersten Arme sind schon oben. Ich schaue in lachende Gesichter. Offenbar ist nicht nur unser Körper in Bewegung gekommen.

August 2026

Ich bin auch jemand

«Ja klar!» Die Antwort rutscht mir heraus, bevor ich überhaupt darüber nachdenken kann. Eine Freundin fragt mich am Telefon, ob wir uns am Nachmittag treffen könnten. Sie sei gerade in der Nähe und würde mich gerne wieder einmal sehen.

Erst als ich auflege, fällt mein Blick auf meine Agenda. Dick und fett steht dort eine Verabredung mit mir selbst: «Me-Time». Eigentlich hatte ich geplant, mein Buch fertig zu lesen und später einen Kafi am See zu trinken. Einfach ein Nachmittag, ohne auf die Zeit achten zu müssen.

Beim Spaziergang fragt meine Freundin: «Was hättest du heute gemacht, wenn ich nicht angerufen hätte?» – «Ach, nichts Besonderes», sage ich. Und wundere mich gleichzeitig über meine Antwort.

Ich geniesse unser Zusammensein. Doch mein «nichts Besonderes» klingt nach. Vorhin habe ich mich noch auf meine «Me-Time» gefreut. Warum mache ich sie nun mit zwei Worten so klein? Wäre ich mit jemandem verabredet gewesen, hätte ich meiner Freundin gesagt: «Heute geht es leider nicht.» Nur die Verabredung mit mir selbst lässt sich offenbar mühelos verschieben.

Ein Rendez-vous mit mir

Vielleicht beginnt Selbstfürsorge genau hier: bei der Frage, welchen Wert ich dem gebe, was mir Freude macht. Ein Spaziergang muss keinen Zweck erfüllen. Und ich darf einen Nachmittag für mich behalten, auch wenn niemand auf mich wartet. Spontane Verabredungen dürfen weiterhin Platz haben. Ich möchte aber lernen, bewusster zu entscheiden, statt meine eigenen Pläne vorschnell als unwichtig abzutun.

«Heute habe ich etwas vor. Wie wäre es morgen?» Das darf auch dann gelten, wenn nur ein Buch und ein freier Nachmittag auf mich warten. Ich muss meine Zeit nicht erst mit etwas füllen, das anderen wichtig erscheint.

Ich bin gerne für andere da. Ihre Geschichten und ihre Wünsche interessieren mich. Ihre Sorgen berühren mich, ihre Freude tut mir gut. Und ich bin auch jemand. Und manchmal habe ich mit mir selbst ein Rendez-vous und etwas Schönes vor.

Juli 2026

Auf der falschen Seite

Ich bin verzweifelt. Um 18 Uhr müssen wir beim Schiff sein. Die andere Reisegruppe wartet bereits. Immer tiefer geraten wir ins Verkehrschaos, und zunehmend wird offensichtlich, dass wir falsch unterwegs sind. Plötzlich ruft jemand: «Da! Da ist unser Schiff!»

Alle drehen den Kopf nach rechts. Auf der anderen Flussseite thront unser schwimmendes Zuhause für die nächste Woche auf dem glitzernden Wasser. So nah und doch scheinbar so unerreichbar …

Wenn Umwege leicht werden

Als ich zum hundertsten Mal nervös auf mein Handy schaue, sehe ich eine Nachricht des anderen Reiseleiters. Die Schiffscrew lasse mich grüssen, unsere Verspätung sei kein Problem. Man habe das Begrüssungsprogramm umgestellt. Und dann: «Ich buche dir schon mal eine Massage …»

Ich muss lachen. Die Vorstellung einer Massage nach dem ganzen Stress tut mir gut. Der Druck lässt nach. Während ich mich auf unsere Verspätung versteift habe, haben die anderen schon längst eine Lösung gefunden. Wir müssen nicht mehr pünktlich sein. Wir dürfen einfach nur noch ankommen.

Das Leben führt uns nicht immer auf direktem Weg ans Ziel. Manchmal verpassen wir eine Abzweigung oder landen auf der falschen Seite. Dann fällt es schwer, gelassen zu bleiben. Gerade dann, wenn wir möchten, dass alles gelingt.

Wie wohltuend sind in solchen Momenten Menschen, die nicht nach Schuld fragen, sondern nach Möglichkeiten suchen und Lösungen finden. Menschen, die bereit sind, einen Plan umzustellen, Verständnis zeigen und mit einem kleinen Scherz den Druck nehmen. Der Umweg bleibt. Aber er fühlt sich weniger beschwerlich an.

Wir erreichen das Schiff später als geplant. Die Geschichte bleibt mir in Erinnerung – und mit ihr die Erfahrung, dass Humor dem Schweren für einen Augenblick etwas von seinem Gewicht nehmen kann.

Das Leben darf leicht sein. Gerade dann, wenn es das für einen Moment nicht ist.

Juni 2026

Erzähl mir noch einmal davon

«Habe ich dir schon erzählt, wie ich als 19-Jährige ganz allein mit dem Zug nach London gefahren bin?», fragt mich meine 96-jährige Tante. Ich lächle. Ja, sie hat. Mehr als einmal. Fast bei jedem Besuch. Ich stocke einen Moment… und sage dann: «Nein, erzähl es mir…»

Sie sei damals als junge Frau mit dem Zug nach London gereist, um dort als Au-pair zu arbeiten. Ganz allein. Kein Handy, keine schnelle Nachricht nach Hause, kein Google Maps. Am Bahnhof habe sie gewartet, dass sie von ihrer Gastfamilie abgeholt werde. Doch niemand sei gekommen.

Dann habe sie plötzlich eine Durchsage gehört. Ein Name sei ausgerufen worden. Immer wieder. Sie habe aufmerksam zugehört, sei aber wohl auch etwas nervös gewesen. «Erst nach einer ganzen Weile ist mir klar geworden, dass sie mich meinen», sagt sie. «Ich habe einfach die englische Aussprache meines Namens nicht verstanden!» Sie lacht. Und ich lache mit ihr.

Ich kenne die Geschichte. Ich weiss, was als Nächstes kommt. Und trotzdem sehe ich ihr gerne zu, wenn sie davon erzählt. Denn in diesem Augenblick sitzt nicht nur meine 96-jährige Tante vor mir. Da ist auch die 19-jährige junge Frau, die mutig mit ihrem Koffer in die grosse weite Welt aufgebrochen ist.

Was in uns weiterlebt

Manche Geschichten hören wir mehr als einmal. Doch warum erzählt ein Mensch gerade diese eine Geschichte immer wieder? Vielleicht, weil darin etwas von ihm weiterlebt. Ein Mensch, den er geliebt hat. Ein Abenteuer, das ihn geprägt hat. Ein Augenblick, in dem er sich besonders mutig, glücklich oder lebendig gefühlt hat.

Meine Tante wird mir ihre London-Geschichte vermutlich noch mehr als einmal erzählen. Und ich hoffe, dass es mir gelingt, immer wieder mit ihr darüber zu lachen – im Wissen darum, wie stolz sie bis heute auf die junge Frau ist, die damals mit 19 Jahren und einem Koffer ganz allein nach London aufgebrochen ist.

«Gotti, bitte erzähl mir noch einmal davon…».

Mai 2026

Gut gemeint – aber nicht gefragt

«Warten Sie, ich helfe Ihnen», sage ich und greife nach der Jacke der älteren Frau. «Nein, nein», wehrt sie ab und sieht mich leicht empört an. «Das kann ich noch selbst!»

Meine Hand bleibt in der Luft. Etwas verlegen ziehe ich sie zurück. Die Frau braucht einen Moment, bis sie den Arm im Ärmel hat. Dann noch den zweiten. Schliesslich zieht sie den Reissverschluss hoch und schaut mich triumphierend an. «Sehen Sie!», sagt sie und lächelt, «es dauert halt einfach ein bisschen länger, aber es geht!» Ich stehe ein bisschen verschämt da und muss schmunzeln. Da ist wohl mein vermeintlich längst erkanntes Helfersyndrom wieder einmal mit mir durchgebrannt… Meine Hilfe war zwar gut gemeint, aber gar nicht gefragt.

Zutrauen und Zeit schenken

Wie schnell sind wir manchmal mit unserer Hilfe zur Stelle. Wir tragen Taschen, öffnen Türen, übernehmen Aufgaben. Besonders dann, wenn ein Mensch älter wird und manches nicht mehr so schnell oder selbstverständlich funktioniert.

Hilfe ist nicht immer das, was ein anderer Mensch gerade braucht. Manchmal braucht es einfach etwas Zeit – und jemanden, der einem zutraut, es selbst zu schaffen. Der stolze Blick der Frau erinnert mich daran, wie gut es sich anfühlt, aus eigener Kraft etwas zu erreichen.

«Darf ich?», frage ich heute deshalb lieber einmal mehr, bevor ich meine Unterstützung anbiete. Vielleicht kommt ein Ja. Vielleicht aber auch ein bestimmtes: «Das kann ich noch selbst.» Beides ist in Ordnung.

Und ich darf immer wieder lernen zu unterscheiden: Geht es bei meinem Angebot um mein Bedürfnis, helfen zu wollen – oder um das, was mein Gegenüber wirklich braucht?

April 2026

Der Goldrand im Alltag

Noch heute höre ich meine Mutter sagen: «Gang und hol s’schöne Gschirr us em Buffet. Hüt isch Wienachte…» Als Kind ging ich bei diesen Worten dann feierlich in die Stube und nahm ganz vorsichtig die filigranen Teller und Tassen mit Goldrand aus dem Schrank, die sorgfältig mit einem Stoffschutz dazwischen aufeinander gestapelt waren. Das ganze Jahr über blieben sie dort stehen und warteten auf ihren Einsatz an besonderen Anlässen.

Meine Mutter hat ihren Sachen Sorge getragen. Dies ist auch der Grund, warum das schöne Geschirr nach all den vielen Jahren noch bei mir im Schrank steht. Heute benutze ich es auch im Alltag. Die schönen Teller kommen regelmässig auf den Tisch, ich trinke meinen Kaffee aus den Tassen und freue mich über den Goldrand auch an einem ganz gewöhnlichen Wochentag. Selbst die Abwaschmaschine müssen die guten Stücke inzwischen über sich ergehen lassen. «Wenn Mami das sehen könnte…», denke ich manchmal und muss schmunzeln.

Worauf warten wir?

Manchmal frage ich mich, wie vieles wir für später aufbewahren. Das schöne Kleid, einen guten Wein, die Erfüllung eines besonderen Wunsches. «Das mache ich irgendwann», sagen wir und warten auf den richtigen Zeitpunkt.

Vielleicht hat meine Mutter dem Geschirr gerade dadurch seinen besonderen Wert gegeben, dass sie es nur an Weihnachten hervorholte. Heute erinnert es mich an sie – und an viele besondere Tage von damals.

Die Teller werden vielleicht irgendwann zerbrechen und die Goldränder mit der Zeit verblassen. Alles ist vergänglich. Aber bis dahin erfreue ich mich an ihnen. Und ganz ehrlich: Aus einer Tasse mit Goldrand schmeckt der Kaffee einfach noch ein bisschen besser.

Vielleicht ist gerade das ein guter Grund, das Schöne nicht im Schrank stehen zu lassen. Denn wer sagt eigentlich, dass heute kein besonderer Tag ist?

März 2026

Ein Platz für zwei

Ich sitze auf einer Bank am See und geniesse die ersten warmen Sonnenstrahlen. Eine ältere Frau bleibt stehen. «Ist hier noch frei?», fragt sie. «Natürlich», sage ich und rutsche ein wenig zur Seite.

Eine Weile sitzen wir schweigend nebeneinander und schauen aufs Wasser. Dann zeigt sie auf einen Schwan, der gemächlich an uns vorbeizieht. «Der ist auch immer hier», sagt sie. Ich muss lachen. «Dann kennen Sie ihn wahrscheinlich besser als ich.»

Sie komme oft hierher, erzählt die Frau. Eigentlich fast jeden Tag. Zu Hause sei es ihr schnell zu still. Hier gebe es immer etwas zu sehen. Menschen, Hunde, Kinder, die Enten – und eben ihren Schwan. «Und manchmal setzt sich sogar jemand zu mir», fügt sie lächelnd hinzu.

Wir kommen ins Gespräch. Über den See, das Wetter und irgendwann auch über das Leben. Nichts Besonderes eigentlich. Und doch merke ich, wie gut es uns beiden tut.

Ein paar Worte genügen

Als ich aufstehe, um weiterzugehen, sagt die Frau: «Schön, dass Sie sich einen Moment Zeit genommen haben.» Ich lächle, verabschiede mich und gehe weiter. Ihr Satz aber begleitet mich.

Wie oft gehen wir aneinander vorbei, vertieft in Gedanken und ein Ziel vor Augen. Dabei braucht es manchmal gar nicht viel. Einen freien Platz, einen Blick, ein paar Worte – und die Bereitschaft, einen Moment zu verweilen und sich aufeinander einzulassen.

Vielleicht liegt das Besondere manchmal genau dort, wo wir es gar nicht suchen – in einem Menschen, der zufällig neben uns Platz nimmt.

Februar 2026

Wenn die Freude Schwung holt

Sie sind von Weitem zu hören. Ein lautes Giggeln und Glucksen. Eine helle Stimme ruft etwas, wird aber vom eigenen Lachen unterbrochen. Als ich um die Ecke komme, sehe ich zwei Frauen – beide um die achtzig – auf zwei Schaukeln sitzen. Sie holen Schwung, strecken die Beine aus, schwingen kräftig zurück. Ihre Kleider flattern im Wind, die Handtaschen liegen am Boden, und die beiden scheinen alles um sich herum vergessen zu haben.

«Noch ein bisschen höher!», ruft die eine. Die andere lacht so sehr, dass sie kaum antworten kann. Sie lehnen sich zurück, ziehen die Beine an und sausen wieder nach vorne. «Wie zwei Kinder», denke ich und muss lachen.

«Das haben wir schon ewig nicht mehr gemacht», ruft eine der Frauen. Ihre Freundin ergänzt lachend: «Eigentlich wollten wir nur spazieren gehen, aber dann …»

Freude kennt kein Alter

Manchmal braucht die Freude nur zwei Schaukeln, eine Freundin und die Lust, dem ersten Impuls zu folgen. Wann hören wir eigentlich auf, solch spontanen Einfällen nachzugeben? Oft gehen wir einfach weiter. Die beiden Frauen sind stehen geblieben. Sie haben ihre Taschen abgestellt und sich hingesetzt. Jetzt lachen sie so laut, dass andere den Kopf drehen. Ihr Spaziergang kann warten. Als ich weitergehe, höre ich sie noch. So möchte ich auch einmal sein. Mit achtzig auf einer Schaukel sitzen, voller Energie, mit fliegendem Kleid durch die Lüfte schwingen. Alles um mich herum vergessen. Der Freude Raum geben. Und aus vollem Hals und Herzen lachen. Und es gleich machen wie die Kinder.

Januar 2026

Gemeinsam unterwegs

Ich stehe mit dem Mikrofon im Bus, schaue in die Gruppe und frage «Sind alle da…?».

«Nein, Vera fehlt noch…!», ruft es von hinten. «Aber keine Sorge, sie kommt gleich. Sie musste noch zur Toilette.» Er habe ihr gesagt, dass wir nicht ohne sie abfahren würden, berichtet der Mann, der hinter Vera sitzt. Ich muss lächeln. Noch vor drei Tagen wusste kaum jemand, wer Vera ist.  

Am ersten Reisetag steigen Menschen in den Reisebus, suchen ihren Platz und sitzen zunächst noch etwas zurückhaltend da. Einige kennen sich bereits, viele nicht. Und dann passiert etwas… Jemand hält beim Frühstück einen Platz frei. Eine Hand wird gereicht, wenn der Einstieg etwas beschwerlich ist. Man wartet, wenn jemand mehr Zeit braucht. Geschichten werden erzählt, Erlebnisse geteilt und irgendwann wird miteinander gelacht. Und plötzlich fällt auf, wenn jemand fehlt.

Vom Ich zum Wir

Vera kommt um die Ecke. «Da bist du ja!», ruft jemand. Sie steigt ein und sagt: «Das konnte nicht warten.» Alle lachen. «Jetzt sind wir komplett», sagt der Mann hinter Vera.

Diese Momente berühren mich. Einander wahrnehmen, aufeinander achten, miteinander lachen. Manchmal braucht es gar nicht viel, dass Nähe entsteht.

Vielleicht ist es genau das, was ein Wir ausmacht: Wenn das Ich ein wenig Platz macht und es plötzlich nicht mehr gleichgültig ist, ob alle da sind.