Meine ersten Kolumnen entstanden im Rahmen meiner Tätigkeit als Altersbeauftragte der Gemeinde Thalwil.
Ich freue mich, diese Texte auch hier mit Ihnen zu teilen.
Kleine Geste – grosse Wirkung
Kürzlich bei uns in der Sprechstunde: Eine Frau sitzt weinend vor mir und erzählt vom verstorbenen Mann, von der Wohnung, die ihr aufgrund einer Sanierung des Hauses gekündigt worden sei, von der Angst, keine weitere mehr zu finden und dem fehlenden Geld, um eine allfällig höhere Miete bezahlen zu können.
Hoffnungslosigkeit liegt in der Luft. Eine Schwere, die sich breit macht. Alt werden sei nichts für Feiglinge, sagt sie. Zwar habe sie diesen Spruch schon oft gehört, jetzt wisse sie aber selber, was genau er beinhalte. «Ganz ehrlich, ich befürchte, selber genauso ein Feigling zu sein», sagt sie. Sie könne einfach nicht mehr.
Betroffen und berührt lehne ich mich nach vorn. Meine Hand legt sich auf ihre. Wir schauen uns an. «Es gibt immer eine Lösung», sage ich und glaube dabei, einen kleinen Funken in ihren Augen sehen zu können.
Am nächsten Tag parkiert die Frau erneut ihren Rollator vor unserer Bürotür und stellt sich vor mich hin. Ob ich ihr nicht nochmals die Hand halten könne, fragt sie. Das habe ihr so gutgetan und das habe schon lange niemand mehr gemacht.
Einmal mehr wird mir bewusst, dass es oft nicht die grossen Begebenheiten sind, die am meisten Wirkung zeigen. Manchmal sind es kleine Gesten, die einen Lichtblick in ein Leben zaubern und die Wende bringen – eine Berührung, ein Lächeln, ein liebevoller Tonfall…
Was für eine Frau…!
Nein, alt werden ist nichts für Feiglinge. Diese Frau aber gehört gewiss nicht dazu. Sie hat den Mut, für sich einzustehen und ihre Bedürfnisse zu äussern – was für eine Stärke!

Wenn die Zeit relativ wird
Als ich kürzlich morgens um 07:30 Uhr die Bürotür aufschliessen möchte, werde ich von einem netten, älteren Herrn in Empfang genommen. Er habe einen Termin mit Frau Schmid, teilt er mir mit. Ich weiss nichts davon… habe ich etwas vergessen? Es stellt sich heraus, dass der Termin erst um 09:00 Uhr angesetzt ist. Er sei immer etwas früh dran, sagt der Mann und wirkt etwas verlegen.
Aufgrund der noch kalten Temperatur, nehme ich ihn mit ins Büro und serviere ihm einen Kafi mit einem Glas Wasser. Ich müsse vorher noch einiges erledigen, sage ich. Wenn er aber eine halbe Stunde warten möchte, könne er gerne hierbleiben. «Kein Problem», sagt er. Er habe ganz viel Zeit und nimmt seine Zeitung hervor und beginnt zu lesen.
Lange Tage, kurze Nächte
Später erzählt er mir, dass seine Frau vor einigen Monaten gestorben sei. Seither seien die Tage lang, die Nächte dafür umso kürzer. «Wissen Sie… früher habe ich jeden Tag eingekauft und am Mittag gekocht. Jetzt aber lohnt sich das für mich alleine nicht mehr. Die Mahlzeiten sind schwierig geworden, denn während diesen, vermisse ich meine Frau am allermeisten.»
Der Wunsch nach einem Gegenüber ist gross. Das Bedürfnis, jemandem erzählen zu können, ebenso. Nicht nur bei diesem Mann. Ein Vis-à-vis zu haben, das zuhört und einen Austausch zulässt, ist wichtig. Viel gelebtes Leben, weniger Zeit, die bleibt. Der Wunsch, Rückblick zu halten und abzuwägen, was noch wichtig ist und was bleibt. Wohin aber mit all dem, wenn man allein zu Hause sitzt und einen die Wände anstarren…?

Was wirklich zählt
Das Telefon klingelt. Eine nervös wirkende Frau nimmt den Anruf entgegen und fordert mich auf, etwas schneller zu sprechen. Sie müsse gleich zum Bus, sagt sie. Ihr Zug fahre bald und bringe sie an den Carparkplatz nach Zürich. Von dort gehe es dann weiter nach Italien zum Kreuzfahrtschiff. Ich bin überrascht. Eigentlich wollte ich anlässlich ihres
90. Geburtstags einen Termin für den Gemeinde-
präsidenten vereinbaren. «Ach was», sagt sie. «Der Kölli kann dann zum 100. vorbeikommen. Jetzt gehe ich zuerst auf die Kreuzfahrt, das habe ich mir schon lange gewünscht.»
An einem anderen Tag: Eine ältere Frau im knallroten Mantel, dazu passendem Lippenstift und manikürten Fingernägeln betritt unser Büro. «Hei, sind Sie e Schöni!», entfährt es mir. Sie lacht. «Wissen Sie, in meinem Alter braucht es etwas Farbe. Das lenkt von den vielen Falten im Gesicht ab.» Ich schaue auf meinen schwarzen Pullover. «Ach, in Ihrem Alter braucht man das noch nicht», sagt die Frau. «Ihre Falten halten sich ja noch in Grenzen.» Das möge stimmen, erwidere ich. Dies habe aber wohl mehr mit den zu vielen Mandelgipfeln zu tun, als mit dem fehlenden Alter. Wir lachen. Und wie warme Sonnenstrahlen ziehen sich viele feine Linien über das ganze Gesicht der Frau.
Der Weg der Akzeptanz
Diese Frauen lehren mich: Der Weg zu Zufriedenheit und Wohlbefinden geht über die Akzeptanz. Wem es gelingt, anzunehmen was ist, dem geht es besser. Die Fülle sehen und nicht den Mangel, das scheint das Geheimnis dieser beiden Frauen zu sein. Das ist es, was die schmerzenden Hüften und die Zeichen der Zeit für eine Weile vergessen lassen.

Der unschätzbare Wert des Alters
Eigentlich habe er sich für den Termin vorbereiten wollen, sagt der Mann vor mir. Nun habe er es nicht geschafft, er sei jetzt halt einfach mal da. Einfach mal da zu sein, sei doch ein guter Anfang, sage ich und sehe, wie seine Augen glitzern. «Seit ich pensioniert bin, schaffe ich gar nichts mehr, und das, obwohl ich jetzt viel mehr Zeit habe.» Resigniert schaut er auf den Tisch. Gefühle der Desorientierung könne es bei Lebensübergängen schon mal geben und seien für eine gewisse Zeit normal, wende ich ein. «Es darf werden.» «Trotzdem, der Umstand, nicht mehr gebraucht zu werden, macht mir zu schaffen!»
Ein Geschenk des Himmels
Er schnäuzt sich die Nase… und lächelt plötzlich. Während er sich aufrecht hinsetzt, erzählt er von seiner Enkeltochter. Erst vor einem Jahr sei sie zur Welt gekommen. Da seine Frau noch berufstätig sei, habe die Tochter ihn gefragt, ob er die Kleine zwei Tage in der Woche hüten würde, damit sie wieder in den Beruf einsteigen könne. Zuerst habe er sich das nicht vorstellen können, jetzt wo man endlich frei sei.
Überhaupt habe er keine grosse Übung mit Babys. Aber – er zeigt mir ein Foto – jetzt freue er sich jedes Mal auf sie. Die Kleine sei einfach ein Sonnenschein, ein Lichtblick, wie ein Geschenk des Himmels.
Ich frage mich, wie es sein kann, dass dieser Mann keine Ahnung davon hat, welch Bereicherung er ist nicht nur für seine Familie ist und wie dringend unsere Gesellschaft erfahrene, charakterstarke, liebevolle Menschen wie ihn braucht.

Die Kunst, das Leben zum Gelingen zu bringen
Am Rande einer «Lebensqualität im Alter»-Veranstaltung, erzählt mir eine Frau ihre Geschichte: Als Adoptivkind habe sie es nicht einfach gehabt. Ihre richtigen Eltern habe sie nie gekannt und ihre Adoptiveltern hätten auch nicht gerade gestrotzt vor Liebe, sagt sie. Sie sei ein schwieriges Kind gewesen, und irgendwie habe sie immer gespürt, dass sie nicht gewollt gewesen sei.
Später habe sie dreimal geheiratet. Der erste Mann habe sie geschlagen. Der zweite sei ein chronischer Fremdgänger gewesen. Und auch der Dritte habe ihr nicht das zu geben vermocht, was er versprochen habe. «Woher haben Sie nur all die Kraft genommen, immer wieder neu anzufangen?», frage ich die Frau. «Ich weiss es nicht», sagt sie. «Aber immer, wenn es nicht mehr ging, habe ich gespürt, dass etwas Neues auf mich wartet, und irgendwann habe ich mich einfach dazu entschieden, glücklich zu sein.»
Alles fliesst
Mir dämmert es – das Leben ist fliessend. Nun verstehe ich, was damit gemeint ist. Nicht immer läuft es so wie geplant. Nicht alles liegt in den eigenen Händen. Manchmal ist das Leben zynisch, grausam und gemein. Die Vorstellung aber, dass im Alten das Neue bereits verborgen ist, weckt Zuversicht.
Der immense Wunsch dieser Frau, ihr Leben positiv zu gestalten, gibt ihr die Kraft und den Mut, dem Fluss des Lebens zu vertrauen. Immer wieder gelingt es ihr, neue Entscheidungen zu treffen – letztendlich sogar, diejenige, glücklich zu sein. Dafür gehört ihr mein allergrösster Respekt und meine tiefe Bewunderung.

Heimkommen und sich zu Hause fühlen
«Jetzt fühle ich mich zu Hause», sagt ein Mann im Kafi Treff. «Wie zu Hause?», frage ich. Durch den Beruf des Vaters sei seine Familie oft umgezogen, und später, mit seiner eigenen Familie, hätten sie den Wohnort auch oft gewechselt, erzählt der Mann. Auch er habe die Möglichkeit gehabt, in verschie-denen Ländern zu leben und zu arbeiten. Das sei für alle toll gewesen. Seine Kinder hätten schon früh mehrere Sprachen gesprochen und seine Frau und er hätten sich schon immer für verschiedene Kulturen und Lebensweisen interessiert.
Irgendwann aber hätten sie gemerkt, dass es an der Zeit sei, sich niederzulassen. So seien sie nach Thalwil zurückgezogen, um den Ruhestand zu geniessen. Um hier aber noch richtig Fuss fassen zu können, sei es schon zu spät gewesen. Die Kinder seien längst ausgezogen und so gebe es beispiels-weise keine Berührungspunkte mehr zu anderen Eltern. «Und was haben Sie gemacht, dass Sie sich jetzt trotzdem zu Hause fühlen?», frage ich. «Es ist einfach gerade dieser Moment», sagt der Mann. «Jetzt, wenn wir alle so zusammensitzen, ich meinen Kaffee trinke und den Gesprächen um mich herum zuhören kann. Jetzt fühle ich mich zu Hause.»
Beziehungen als Fundament
Da, wo Menschen sich begegnen, entsteht Beziehung und menschliche Beziehungen sind es, die ein Gefühl von Heimat ermöglichen. Ein Gegenüber, ein offenes Ohr, ein offenes Herz – so wenig und doch so viel.

Das Gesetz der Resonanz
«Verurteilen Sie mich jetzt?», fragt mich die Frau und weicht meinen Blick aus. Ein beklemmendes Gefühl macht sich in mir breit. Angeschrien habe sie sie, manchmal sogar etwas geschüttelt. Die Nerven seien blank gelegen und es habe Tage gegeben, an denen sie schon am Morgen todmüde gewesen sei. Die Kinder hätten Aufmerksamkeit gefordert, der Haushalt sei liegen geblieben, die Partnerschaft auf der Strecke, während die pflegebedürftige Mutter immer vergesslicher geworden sei und sie selber immer genervter. Nie hätte sie gedacht, dass sie mit ihrer eigenen Mutter je so umgehen würde.
Nein. Es ist nicht an mir, über jemanden zu urteilen, der bereit ist, sich selber zurückzunehmen, um eine nahestehende Person zu pflegen und dabei nicht mehr in der Lage ist, eigene Grenzen wahrzunehmen. Zu gross ist der Respekt vor all den Angehörigen, die an ihrer Herkules-aufgabe teilweise fast zerbrechen – aus Verantwortungs-gefühl, aus Pflichtbewusstsein, aus Liebe. Liebe aber hat viele Gesichter. Gewalt ebenso. Und die Übergänge vom einen zum andern sind oft fliessend.
«Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst
für die Welt» (Mahatma Gandhi)
Haben wir den Mut, unsere Worte und unser Handeln selbstkritisch zu hinterfragen. Sind wir Vorbild in unserer leistungsorientierten Gesellschaft, wenn es darum geht, uns mit den eigenen Schwächen und Grenzen zu zeigen und diejenigen anderer zu anerkennen. Denn sind wir uns bewusst – unsere Haltungen wirken im Aussen und erzeugen Resonanz.

Was das Leben schön macht
Eine wirklich alte Frau, das Sterben nicht mehr weit entfernt, sinniert mit mir über ihr Leben. Dieses habe es gut mit ihr gemeint, erzählt sie. Eine glückliche Kindheit auf dem Bauernhof, schon in frühen Jahren das Kennenlernen ihres Mannes, ihrer grossen Liebe. Mit ihm sei sie über
70 Jahre verheiratet gewesen. Eine wunderbare Familie und Freunde hätten sie gemeinsam gehabt. Und ab und zu habe es sogar für eine kleine Reise gereicht, sagt sie. Sie habe einiges von der Schweiz gesehen.
Später dann Glücksmomente mit den Enkelkindern. Nie werde sie den Tag vergessen, an welchem sie ihr erstes im Arm gehalten habe. Die Frau hängt ihren Gedanken nach. «Ich bin eigentlich immer glücklich gewesen. Mir hat es an nichts gefehlt.» Sie habe viel gearbeitet, habe aber gleichzeitig auch immer den Augenblick genossen.
«Ich glaube, es ist mir gelungen, weder an der Vergangenheit festzuhalten, noch mir um die Zukunft Sorgen zu machen», sagt sie. «Das war mein Glücksrezept.»
Sprachlos vor Demut
Je näher sie nun dem Tod komme, desto mehr merke sie, wie dankbar sie sei. Es sei nicht selbstverständlich, das ganze Leben über mit Gesundheit gesegnet zu sein und ein heiteres Gemüt zu haben. Nun sei sie bereit für das Kommende. «Wissen Sie, es ist das Wissen um die Vergänglichkeit, die erst alles schön macht», sagt sie. Und ich sitze da, sprachlos vor soviel Liebe, Demut und Weisheit, und staune über das Grosse, das in diesem Moment in diesem Raum fast greifbar ist.

Das Leben als Lehrmeister
«Wissen Sie, mit dem Alter fällt einem vieles leichter», sagt die Frau und beginnt zu erzählen: «Früher war ich mehrheitlich damit beschäftigt, die Wohnung aufzuräumen und zu putzen. Alles war blitzblank. Die Kissen auf dem Sofa standen in Reih und Glied, die Bücher auf dem Gestell waren abgestaubt, die Fenster geputzt und die Teppichfasern schauten in die richtige Richtung. Ich war eine perfekte Hausfrau.» Man habe ja nie gewusst, ob unerwartet ein Besuch vorbeikomme, lacht sie.
Heute hingegen sei alles anders. Die Prioritäten hätten sich verschoben. Gezwungenermassen. Ihre Krankheit mache ihr zu schaffen und sie sei froh, wenn sie einigermassen schmerzfrei durch den Tag komme. Das Komische aber daran sei, dass sie jetzt das Leben viel mehr geniessen könne. Manchmal sitze sie einfach nur da und bleibe an einem schönen Gedanken hängen. Diese Ruhe tue ihr gut. «Das Leben lehrt einen, man muss nur darauf hören.»
Perfektion ist nicht alles, aber alles ist Perfektion
«Es ist immer perfekt, so wie es ist», sagt sie. «Es hat ja seinen Grund, warum was zu welchem Zeitpunkt passiert. Das musste ich zuerst erkennen. Und genau dafür musste ich mich zuerst aufs Sofa setzen und es aushalten, dass die Teppichfasern in die falsche Richtung schauen. Es war ein schwieriger Prozess, aber es hat sich gelohnt. «Ich habe so viel dazugewonnen. Trotz Krankheit ist meine Lebensqualität gestiegen.»

Durch den Schmerz zu sich selbst
Die Stimme am Telefon tönt belastet. Das Reden fällt schwer. Die Vergangenheit hole sie ein, sagt sie. Längst vergessene Gefühle seien plötzlich wieder da. Ein tiefer Seufzer. «Das macht mir Angst. Ich war froh, als das endlich alles vorbei war – die Trauer um meinen Mann, die Leere, die schlaflosen Nächte… und jetzt ist alles wieder da.» «Und was tun Sie, damit es Ihnen besser geht?», frage ich. Die Frau überlegt. «Ach, ich versuche, mir Sorge zu tragen. Ich nehme ab und zu ein Bad, atme ein und aus und in ganz schlimmen Momenten hilft es, wenn ich mich unter Menschen begebe. Irgendwann wird der Schmerz wahrscheinlich weniger werden. Bis dahin muss ich halt durch ihn durch.»
Selbstfürsorge als Schlüssel zur Heilung
Diese Frau, sie beeindruckt mich zutiefst! Wie bewusst sie ihren Trauerprozess angeht! Den Schmerz mutig konfrontierend, arbeitet sie Schicht um Schicht ab, atmet dabei weiter und vertraut auf die Kräfte der Heilung. Die Liebe zu sich selbst, die Achtsamkeit im Umgang mit sich und die Akzeptanz der Situation scheinen darin der Schlüssel zu sein, der sie auf ihrem Weg weiterbringt.

Liebe, das einzig Bleibende
«Wenn wir am Abend nebeneinander auf dem Sofa sitzen und Fernseh schauen, nehm ich jeweils seinen Arm und leg ihn um mich. Dann schmieg ich mich nah an ihn und schliesse die Augen. In diesen Momenten versuche ich, mir vorzustellen, was in ihm vorgeht. So gern möchte ich wissen, was er fühlt und was er denkt», sagt die Frau mit Nebel verschleierten Augen.
«Lang ist es her, dass wir miteinander ein normales Gespräch führen konnten. Die Demenz meines Mannes schreitet voran und nimmt ihm alles, was ihn ausgemacht hat. Jeden Tag muss ich mehr von ihm Abschied nehmen.» Er sei ein intelligenter, dem Leben zugewandter Mensch gewesen. Einer der sich für tausend Dinge interessiert habe, aktiv, und immer da, wenn es darum ging, jemandem zu helfen.
«Wir hatten so schöne Zeiten», sagt die Frau. Er habe sich liebevoll um sie gekümmert und ihr zugehört. Und wenn die Gefühle jeweils mit ihr durchgebrannt seien, sei er der Fels in der Brandung gewesen. Ein zaghaftes Lächeln begleitet ihre Worte.
Der Wunsch nach dem «richtigem Leben»
«Wir leben nun zurückgezogen und verbringen die meiste Zeit zu Hause.» Das «richtige Leben» fehle ihr. Der Austausch, der Dialog, das gegenseitige Verstehen zwischen Menschen, die sich kennen würden. Und trotzdem sei da die Liebe und die Verbundenheit, die sie immer füreinander in sich getragen hätten, sagt sie. «Die Liebe ist das Einzige, was bleibt.»

Frühlingserwachen
Kürzlich fragte ich ein Paar im Pflegeheim nach dem Rezept ihrer langjährigen Liebe. «Es war nicht einfach», sagt die Frau. «Er wollte oft seinen Kopf durchsetzen.» «Das stimmt überhaupt nicht», antwortet der Mann. «DU wolltest immer der Chef sein!». «Das konnte ich ja gar nicht, weil Du die Regeln zu diesem Zeitpunkt schon längst bestimmt hast!» Einen Moment lang, glaube ich, eingreifen zu müssen. Aber dann legt der Mann seine Hand auf ihren Oberschenkel und sagt: «Gäll, aber eigentli hämmer’s immer schön gha!» Sie lacht. «Ja, eigentli scho.»
«Wissen Sie, es war wirklich nicht leicht. Wir sind grundverschieden. Und doch haben wir den Weg stets zueinander gefunden.» «Und was hat Ihnen dazu geholfen?», frage ich. «Wir mussten lernen, fünfe grad sein zu lassen, und wir hatten zusammen viel Spass!» Sein Augenzwinkern und ihre plötzlich geröteten Wangen sprechen Bände. Ich muss lachen, und plötzlich scheinen Wespen um uns herum zu schwirren, oder ist es das Knistern zwischen den beiden, das ich surren höre?
Weg mit müden Knochen und schmerzenden Gelenken
Von den Seniorinnen und Senioren und deren Erfahrungen gibt es viel zu lernen! Mittlerweile füllen die Tipps und Tricks zum gelingenden Älterwerden schon ganze Telefonbücher. «Spass am Leben» ist dabei mein Spitzenreiter!

Weisheit, Güte und Mitgefühl als Lebensziel
«Als ich gelernt habe, mit den Augen des Herzens zu sehen, hat sich mein Leben verändert.» Die Frau vor mir macht mich neugierig. «Wie meinen Sie das?», frage ich. Sie denkt kurz nach. «Hm, es ist nicht einfach, dafür die richtigen Worte zu finden», sagt sie. Aber da sei zum Beispiel ihr Ex-Mann, der alles darangesetzt habe, sie bei den gemein-
samen Kindern schlecht zu machen. «Früher habe ich mich daran aufgerieben und mich furchtbar über ihn geärgert. Heute aber erkenne ich, dass es seine eigene Angst gewesen ist, die Kinder zu verlieren.»
Diese Erkenntnis habe ihr dabei geholfen, die Situation so anzunehmen, wie sie sei. «Das heisst ja nicht, dass ich mit seinem Verhalten einverstanden bin», sagt sie. «Aber ich habe gelernt, dass es mir besser geht, wenn ich versuche, mich in mein Gegenüber einzufühlen. Das Mitgefühl hilft mir, Zusammenhänge zu erkennen und Gründe zu verstehen.»
Den Weg frei machen für die Zukunft
Einmal mehr wird mir klar, dass es unsere Einstellungen und Haltungen sind, die die Macht haben, Sichtweisen zu verändern. Die Vergangenheit und Gegenwart werden damit ins richtige Licht gerückt, was den Weg für die Zukunft ebnet und frei macht. Eine Zukunft, die durch unser Engagement und unser Zutun aktiv gestaltet werden kann.
Mit dieser Kolumne verabschiede ich mich von Ihnen. Die Zukunft wartet auf mich. Ich bin offen und neugierig, was sie mir bringen wird. Es war mir eine grosse Freude, als Altersbeauftragte für Thalwil aktiv zu sein. Viel durfte ich durch Sie, liebe Seniorinnen und Senioren, lernen. Dafür und noch für viel mehr danke ich Ihnen von Herzen!
Für Ihre ganz persönliche Zukunft wünsche ich Ihnen das Allerbeste – sollen Gesundheit, Lebensfreude, lichtvolle Momente und schöne Begegnungen Sie noch lange begleiten und erfüllen.
